Altersweisheiten meines Hundes

Mein Hund Merlin ist nun schon 13 Jahre alt. Je älter er wird, umso besser weiß er, worauf es ankommt. Heute möchte er diese Weisheiten teilen, damit jeder sein Leben mehr genießen kann, jeden Tag. Ich tue ihm den Gefallen und schreibe sie hier auf.

Er lebt bei mir, seitdem er 4 ist. Er war durch mindestens fünf Hände gegangen, hatte Menschen gebissen und war nach einer Beißattacke eines anderen Hundes fast gestorben. Er war hyperaktiv, hatte brutale Erziehung erlebt und war mit einem Jahr irgendwo im Wald gefunden worden.

Es dauerte also ein wenig, bis er bei mir anfangen konnte, er selbst zu sein. Alles, was er sich zu Beginn unserer gemeinsamen Zeit von mir wünschte, war ein sicheres, ruhiges Zuhause ohne Erwartungen an ihn. Er brauchte Ruhe und Liebe. Ich auch. Wir waren vom ersten Moment an wie füreinander gemacht.

Eigentlich wollte ich mir 8 verschiedene Hunde ansehen, alles Tierschutzhunde. Ich wollte sie alle besuchen und mir am Ende den aussuchen, der am besten passte. Merlin war der erste Hund. Ich klingelte dort, wo er damals lebte, eine Pflegestelle mit vielen Hunden. Nichts passierte, ich wollte schon wieder gehen. Aber ich hörte Bellen, also entschied ich, um das Grundstück herum zu gehen. Ich sah ein großes Gehege und in dem Moment, als ich davor stand, bekam ich einen riesigen Schrecken: Ein schwarzes Monster mit gelben Augen und schneeweißen Zähnen keifte mich von drinnen an. Er flippte schier aus. Ich erstarrte. Sollte das etwa…? Nein.

Doch. Er war es. Als ich ihn drinnen treffen durfte, fiel es mir erstmal schwer, ihn überhaupt zu identifizieren, da er in Lichtgeschwindigkeit um mich herum wuselte. Als ich eine halbe Stunde später auf die Toilette ging, folgte er mir und saß direkt vor der Tür, bis ich wieder heraus kam. Als ich mich auf einen Sessel setzte, saß er sofort neben mir.

Die anderen 7 Hunde sah ich mir nicht mehr an.

Seitdem habe ich sehr viel mit Merlin erlebt. Wir hatten Zusammenstöße mit Katzen, Menschen, Fahrrädern, Wildschweinen, Hasen, Mäusen, LKWs und Bussen. Eben mit Allem, was man potentiell jagen und erlegen kann oder was uns gefährlich werden könnte. Besucher lernten das Fürchten in meinem Haus. In jedem, denn wir zogen oft um. Das war nie ein Problem für ihn. Dieser Hund war so wahnsinnig diskret und liebevoll mit mir. Er war immer sauber, hat niemals auch nur irgendetwas unerlaubt weg genommen oder zerstört. Er hat mich nie geweckt, er ist ein geduldiger Warter und ein sehr verlässlicher Wächter. Er ist mein bester Freund. Mein ständiger Begleiter. Wenn einer von uns mal seufzt oder tief atmet, tut der andere es ihm direkt nach. Er ist Tröster. Oh ja, der beste der Welt. Ich muss nur schniefen und schon trippelt er zu mir, springt auf das Sofa und schaut mich besorgt-bedrückt an: „Musst du weinen?“, um sich dann ganz dicht an mich dran zu kuscheln. Der arme Hund hat schon so manche Erkältung meinerseits in ständiger Sorge verbracht, wenn ich schnupfenbedingt schniefen musste… Und er hat auch schon meine beste Freundin getröstet, als sie es am dringendsten brauchte.

Merlin fand es von Anfang an nicht gut, an Pfoten und am Schweif angefasst zu werden. Und völlig unmöglich war es, ihn hoch zu heben oder irgendwie annähernd zu schieben oder zu ziehen. Da bekam er Panik. Er kam auch nicht auf den Schoß, das war ihm zu viel Risiko, aber als 21kg Hund ist das ja auch nicht gerade die Hundehauptaufgabe.

Nach ca. 2 Jahren bei mir sprang er das erste Mal über einen seiner Schatten. Ich hatte starken Liebeskummer und fühlte mich sehr allein, lebte damals im Nirgendwo, weit weg von Familie und Freunden. Ich saß auf meinem bequemen Stuhl und war traurig. Merlin kam an, nahm Maß und sprang. Direkt auf meinen Schoß. Dort machte er es sich in seiner umständlichen Art bequem und schlief mit seinem Kopf auf meiner Brust ein. Ich wagte es stundenlang nicht, mich zu bewegen, so berührt war ich von seiner Geste. Er tat dies jeden Tag ca. 2 Wochen lang, bis ich über den Berg war. Danach hörte er wieder auf.

Mit den Jahren wuchs sein Bedürfnis nach Nähe. Und mittlerweile ist er ein unglaublich witziger, penetranter Kuschelhund geworden, mit einem Hang zum ausgelassenen, verrückten Humor. Die Geräusche, die er macht, sind einfach bühnenreif. Auch möchte ich meinen, dass er ein wenig schrullig geworden ist und seine anfängliche Diskretion ist nun wirklich den Bach hinunter gegangen. Ich liebe es, ihn zu erleben, wie er älter wird und das hier ist es, was mich mein reifender Hund jetzt, nach all den Jahren, lehrt:

  1. Wenn man jemanden liebt, kuschelt man mit ihm. Immer, wenn es geht. Immer. Körperkontakt macht glücklich und gesund.
  2. Man kann sich dafür einfach auf die Person drauf fallen lassen oder man lässt sich neben ihr fallen (nachdem man 3 Runden um sich selbst getrampelt ist), um dann mit dem Hintern sich näher heran zu ruckeln.
  3. Auf das Gesicht legen ist auch ok. Das scheint gut zu tun, zumindest bekommen Menschen davon gute Laune und lachen.
  4. Man kann als mittelgroßer Hund durchaus auf Menschen herum trampeln, wenn es dem Kuschelzweck dient.
  5. Am besten liegt es sich im Deckenmeer direkt zwischen zwei Menschen. Doppelter Kuschelkontakt!
  6. Sich fallen lassen ist eine Tugend. Vorsichtiges Hinlegen ist etwas für Schüchterne. Es muss ordentlich rumsen auf dem Parkett und die Matratze muss wackeln, wenn man im Bett ist.
  7. Ja, im Bett! Wenn man sich liebt, schläft man zusammen!
  8. Wenn man mal aus dem Bett geschmissen wird, weil es zu eng wird oder man hecheln muss, läuft man beleidigt auf dem Parkett hin und her, bis man wieder eingeladen wird. Selbst, wenn man nicht eingeladen wird: Man geht dahin, wo man hin will. Ins Bett! So einen Rausschmiss akzeptiert man nur als junger, willensschwacher Hund.
  9. Wenn jemand eine Hand ausstreckt, muss man seinen Kopf hinein fallen lassen.
  10. Wenn man nachts doch zu weit weg liegt von den Liebsten, steht man auf, geht vorsichtig ganz nah an die Gesichter heran, schmatzt und schnauft, bis jemand einen in den Arm nimmt.
  11. Falls jemand im Raum zu angestrengt arbeitet, erschreckt man ihn durch mehrmaliges, plötzliches, geräuschvolles Aufspringen und seufzendes wieder Hinlegen. Das hilft.
  12. Besucherfüße haben unter dem Tisch still zu stehen, sonst werden sie gemaßregelt. Hauseigene Füße dürfen alles.
  13. Fürs Pupsen muss sich niemand schämen.
  14. Es ist ok, immer Hunger zu haben. Auch, wenn man jahrelang niemals Futter eingefordert hätte. Jetzt ist es in Ordnung, auch wenn man dick wird. Genuss ist wichtig.
  15. Es ist in Ordnung, zu bellen, wenn man Hunger hat. Auch, wenn man so etwas sich früher nie getraut hätte. Jetzt ist es lustig. Am lustigsten ist es, wenn der Mensch sich dabei erschreckt.
  16. Auch, wenn man manchmal nicht mehr so eine gute Balance hat und die Hinterbeine ab und zu mal schwach sind, kann man dennoch weiterhin in Lichtgeschwindigkeit agieren, wenn angebracht. Zum Beispiel im Maisfeld. 10 Minuten lang.
  17. Es macht Sinn, ab und zu schon mal auf schwerhörig zu machen. Zum Beispiel im Maisfeld.
  18. Wenn der Mensch seinen Groll nicht aussprechen kann, dann sollte man es für ihn tun. Am liebsten während der Autofahrt. Das befreit! Am besten sind Bellkonzerte, wenn Mensch mit einstimmt. Man darf seine Gefühle nicht verstecken, das ist ungesund.
  19. Silvester ist doch nicht so schlimm. Am besten verbringt man es auf einem Menschenschoß, da muss man nicht mal bellen oder sich aufregen.
  20. Anstatt zu lesen, sollte man mehr kuscheln. Jetzt. Wann gehen wir endlich ins Bett? Ich geh schon mal vor. Und lege mich genau dort auf das Laken, wo meine Decke NICHT liegt. Oder auf das Kopfkissen.

Ich denke, er hat Recht. Danke, Merlin. Gute Nacht. 🙂

–> Selbst mit Tieren sprechen lernen

–> Mit dem eigenen Tier sprechen lassen

 

neujahr
Merlin und ich an Silvester 2015-2016
11-09-09_2249
2009, Premiere.
youngdog
Zu Beginn unserer Zeit.
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3 Gedanken zu “Altersweisheiten meines Hundes

  1. Sooo schön geschrieben! Fast alles passt auch auf meine Hündin Sindy (9), nur bellen tut sie fast nie 😄 und sie hat mich ausgesucht. Ich wollte gar keinen Hund, einfach aus Zeitmangel, aber ich liebe Hunde! Und so kam alles ganz anders, zum Glück! Denn sie ist mein Seelenhund! Und nun schon gut ein Jahr bei mir 😍

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