Hunde mit Hundeproblemen

In meinen Tiergesprächen spreche ich oft mit Hunden, welche Probleme mit anderen Hunden haben. Sie meistern alltägliche Begegnungen auf der Straße oder gewollte Begegnungen mit Artgenossen nicht, zeigen dann ein Verhalten, welches wir Menschen als unangebracht einstufen. Manche sind agressiv, manche geraten total außer sich und vergessen all ihre Manieren, manche ziehen sich vor Angst zurück oder erstarren. Alle verlieren den Kopf. Ist der Schalter einmal umgelegt, kann Mensch kaum mehr etwas tun, um den Hund wieder da raus zu holen.

Wir Menschen möchten alle am liebsten solch einen Hund haben, der immer freundlich, souverän und spielerisch an andere Hunde ran geht. Der dabei nicht zu aufdringlich, aber auch nicht ignorant agiert. Der super sozial, nett und lustig daher kommt. Und der dabei natürlich noch auf uns hört, wenn wir in Hundekontaktmomenten meinen, es besser zu wissen.

Den meisten Leuten ist nicht klar, dass dies für Hunde nicht selbstverständlich ist. Es ist auch nicht „richtiges“ oder normales Verhalten, einfach jeden Artgenossen immer willkommen zu heißen, egal wann oder wo. Um darauf näher einzugehen, würde ich vom eigentlichen Thema abkommen. Es soll nur so viel dazu gesagt werden: Was wir Menschen als angebracht empfinden, ist für Hunde manchmal völlig unangebracht.

Natürlich ist es aber ein Bedürfnis für Mensch und Tier, den Alltag ohne Zwischenfälle zu überstehen. Niemand lässt sich gern von seinem Hund über die Straße zerren und niemand erklärt gern täglich geschockten Pekinesen-Haltern, dass ihr Hund nunmal so seine Problemchen hat, weil er aus dem Tierheim kommt. Auch für den Hund ist es ein Bedürfnis, draußen keinen Spießrutenlauf veranstalten zu müssen.

Hunde, die in extremes Verhalten fallen, wenn sie andere Hunde treffen, wissen oft selbst nicht, wie sie das lösen sollen. Sie sind Opfer ihrer Sensibilität. Reagieren über. Ist ihr Schalter einmal umgelegt, können sie nicht allein zurück. Sie brauchen unsere Hilfe dafür. Hunde, die so sensibel sind und dazu neigen, außer sich zu geraten, brauchen vor Allem Eines NICHT: Noch mehr Druck.

Keine Methode, welche auf Konfrontation basiert, hilft solchen Hunden. Kein „wir üben das jetzt“, keine Wasserspritzpistolen, kein Kommando Gerufe oder Halti oder Halsbandgerucke hilft so einem Hund. Im Gegenteil, es macht das Verhalten nur noch schlimmer. Solche Hunde haben ihr Fass schon fast voll. Alles, was an Druck noch dazu kommt, bringt es zum Überlaufen.

Das Fass ist schon so voll, weil sie ständig alles um sich herum aufnehmen. Sie sind wie Schwämme, die alle Umweltreize wahrnehmen und nicht einsortieren. Sie haben die Fähigkeit, Unwichtiges auszublenden und Wichtiges zu fokussieren, verlernt oder nie gelernt. Es fällt ihnen schwer, die Autos, die Gerüche, die Menschen, die Gedanken, die Stimmung, die Probleme ihres Menschen, die Atmung und Körperspannung ihres Menschen und noch viel mehr einfach beiseite zu lassen und sich zu überlegen, wie sie wohl reagieren wollen oder sollen. Und dann kommt der größte Umweltreiz, den es gibt: Ein anderer Hund. Und es passiert.

Das, was diese Hunde von uns brauchen ist, dass wir ihnen helfen, die Toleranzsspanne, bis ihr Schalter sich umlegt, zu verlängern. Das erreichen wir nur und ausschließlich mit Geduld, Ruhe und Wegnehmen von Reizen. Wir müssen es dem Hund leichter machen, nicht überzureagieren. Das bedeutet: Ich versuche, die Situation für ihn erträglicher zu machen. Vielleicht wechsle ich die Straßenseite, vielleicht lasse ich ihn hinter mir gehen, vielleicht nehme ich ihn auf den Arm, vielleicht lenke ich ihn mit Leckerlis ab, vielleicht kehre ich um. Alle Mittel sind recht! Nochmal: Es geht NICHT darum, den Hund zu konfrontieren. Ich möchte ihn schützen und ihm zeigen: Wir schaffen das zusammen. Ich weiß, wie wir hier durch kommen! Und jedes Mal, wenn der Hund es daraufhin schafft, den Schalter nicht umzulegen, erlebt er einen Erfolg: Ich kann ruhig bleiben, ich brauche mich nicht aufregen, wir sind zusammen sicher. Es ist individuell auszutesten, was genau dem Hund die Situation erleichtert. Für einen selbst gilt: Immer souverän bleiben! Die Situation für den Hund erledigen, dabei unbedingt weiteratmen und die Schritte bewusst auf den Boden setzen. Diese übersensiblen Hunde spüren und hören alles genau, was bei uns dabei passiert. Je mehr auch wir entscheidungsfreudig dabei und erleichtert sind, uns dem nicht aussetzen zu müssen, umso besser können die Hunde lernen, dass alles gut ist.

Und falls es doch wieder passiert, der Schalter sich umlegt, gibt es auch nur eins zu tun: Die Situation einfach verlassen. Den Hund wegnehmen, wegziehen, so ruhig wie möglich einfach raus da. Nicht mehr auf ihn einreden, nicht auf das Verhalten einsteigen. Einfach wissen: Es ist zu spät, ab jetzt gibt es nur noch den Abbruch. Danach durchatmen und sagen: Siehst du? Schon vorbei. Und so tun, als wäre nichts gewesen.

Je mehr man diesen Schutz für den Hund aufgebaut bekommt, umso sicherer fühlt er sich. Er merkt: Ich muss gar nicht da durch. Ich kann mich in der mir angenehmen Zone aufhalten, bis ich weiß, was ich tun möchte. Er lernt, den Schalter immer später umlegen zu lassen, bis er vielleicht sogar irgendwann verschwindet. Die Geduld, der Schutz, die Liebe dabei geben dem Hund die Möglichkeit, wieder zu lernen, sich zu verhalten, anstatt überzureagieren.

Nicht jeder Hund muss andere Hunde gern treffen wollen. Es gibt so viele Facetten von Hundepersönlichkeiten. Manche können und möchten mit sehr vielen Artgenossen einfach nichts anfangen. Das ist ok! Ich muss auch nicht jeden Menschen freundlich begrüßen und beachten. Wäre ich ein Hund, wäre ich wohl so einer, der die meisten Hunde lieber ignoriert. Und oh, was für ein Zufall: Genau so einen habe ich auch. 😉

Zum Abschluss möchte ich euch eine wunderschöne Rückmeldung zeigen, die mir Josefine (sie malt fantastische Tierportraits: JS Tierportraits) gestern über ihren Hund „Bats“ schrieb. Ich kenne die beiden seit Jahren, sie war auch in meinem Tierkommunikation Basiskurs und hat einfach einen so wundervollen Prozess mit Bats durchgemacht, ihr müsst (und dürft) das einfach lesen. Sie hat gemeistert, was ich mir für alle Menschen und ihre Hunde wünsche: Absolutes, gegenseitiges Verständnis für individuelles Sein. Was hier auch sehr schön heraus zu lesen ist:

Ein Tiergespräch ist und bleibt ein Gespräch. Nicht mehr, nicht weniger. Was alle Beteiligten daraus machen, liegt nur in ihrer Hand.

 

„Liebe Catherin,

ich möchte dir gerne nochmal kurz berichten, wie sich Bats entwickelt hat, denn da hat sich Einiges getan. Nachdem ich nach deinem Gespräch mit ihm ja angefangen hatte, andere Hunde total zu ignorieren haben wir das bis vor ca. 4 Wochen bei jedem Spaziergang so gemacht. Er wurde immer sicherer und es fiel ihm immer leichter, seine Leckerlis zu suchen oder mich anzusehen statt die fremden Hunde. Dieses Jahr habe ich dann beschlossen, dass wir einen Schritt weiter gehen können damit und habe in der Nähe eine tolle Hundeschule gefunden, wo modern und freundlich mit den Hunden umgegangen wird. Nachdem ich zuerst mal alleine dort war, um mich davon zu überzeugen, dass die Methoden für Bats geeignet sind, habe ich ihn zwei, drei Mal nur von außen das Gelände erkunden lassen. Dort riecht es ja überall nach vielen verschiedenen Hunden, das war schonmal die erste Hürde. Während wir draußen vor dem Zaun waren, habe ich ihn zeitweise Tricks oder kleine Übungen/ Spiele machen lassen (was er ja liebt wie nichts anderes) und zeitweise habe ich ihm einfach Raum zum Erkunden gegeben. Bats hat mich sehr überrascht, denn seine anfängliche Aufregung hat sich jeweils nach einigen Minuten schon gelegt und er war total entspannt und freudig und hatte kaum Probleme, die Hunde hinterm Zaun zu ignorieren. Selbst dann nicht, wenn es dort mal kleine Auseinandersetzungen gab, was in Spielgruppen ja immer mal vorkommt. Manchmal hat er auch von allein Kontakt zu den anderen aufgenommen oder eine Begrüßung erwidert, und er lernt langsam, dass er einfach weggehen kann statt die Hunde zu vertreiben, wenn es ihm zuviel wird oder er keine Lust mehr hat.
Heute waren wir dann das erste Mal richtig mit in den Ausläufen. Es waren nicht so viele Hunde da, weil es keine Spielgruppe, sondern eine Agility- Stunde war. Bats war auch erst ein bisschen nervös, aber er hat sich schnell beruhigt und ganz toll mitgemacht und sich gefreut dabei, als wären wir zuhause. Die Leute da waren ziemlich überrascht, dass er das mit seiner Vorgeschichte so gut weggesteckt und mitgearbreitet hat. Mir selber fehlen da noch total die Worte, ich kanns noch gar nicht richtig glauben. Nachdem ich jetzt diese zwei Jahre mit ihm trainiert habe, ist es schon irgendwie seltsam, dass er „plötzlich“ so gut mit anderen Hunden zurechtkommt und er einen Quantensprung nach dem anderen macht. Sicherlich liegt es auch mit daran, dass ich im Moment Bats‘ Freundin als Pflegehund habe und er mit ihr schon große Fortschritte bei der Interaktion generell und beim Spielen gemacht hat. Ich denke, dadurch ist er besser darin geworden, auch schnellere Bewegungen einzuschätzen. Den Grundstein für das alles hat aber das Gespräch mit dir gelegt, und ich bin dir unglaublich dankbar dafür! Das war wirklich das Beste, was ich machen konnte. So wie die Dinge jetzt stehen, wird Bats vielleicht später sogar mal eine Spielstunde besuchen können, denn hin und wieder juckt es ihm durchaus in den Pfötchen. Bis dahin machen wir in der Hundeschule aber andere Beschäftigungen mit, so dass er was zu tun hat und nebenbei noch verinnerlichen kann, dass die Anwesenheit von anderen Hunden gar nicht so viel Bedeutung hat.
Anbei schicke ich noch ein Foto von letzter Woche. Man sieht im Hintergrund den Laufsteg und den Hintern eines weißen Schäferhundes. Da waren wir bei einer Spielstunde am Zaun. Bats‘ Gesicht sagt alles!

Viele liebe Grüße von mir und Bats, und Bats bedankt sich auch bei dir! ❤
Josefine“

Bats
Bats

 

–> Tiergespräch mit eigenem Tier

–> Selbst mit Tieren sprechen lernen

Advertisements

2 Gedanken zu “Hunde mit Hundeproblemen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s