Intelligente Tiere

„Schweine sind sehr intelligente Tiere…“ hört man oft. Oder „Hühner sind überraschend intelligent…“ oder „Hätten Sie gedacht, dass ein Vogel so intelligent ist?“.

Einerseits freue ich mich, dass den Tieren damit mehr Respekt gezollt wird. Ich weiß es zu schätzen, dass die Aufmerksamkeit auf die Komplexität einer Tierpersönlichkeit gelenkt wird. Dass Menschen verstehen lernen, dass auch ein Huhn Freundschaften hat, im Austausch mit seiner Umwelt steht und weiß, was ein Mensch von ihm will. Andererseits macht es mich auch immer ein bisschen traurig, so etwas zu hören. Denn ja, natürlich sind sie das! Allesamt. Es ist wirklich kein Bisschen verblüffend, dass Tiere dazu in der Lage sind, zu verstehen, zu lernen, zu schlussfolgern und Beziehungen einzugehen. Es ist aber im Gegenzug sehr, sehr traurig, dass wir erst jetzt darauf kommen. Erst jetzt bemerken, dass all diese vermeintlich menschlichen Züge doch gar nicht so menschlich sind, sondern universelle Fähigkeiten von Wesen sind, die in Austausch treten mit ihrer Umwelt. Und das tun sie, alle von ihnen. Sogar die Pflanzen. Aber bleiben wir bei den Tieren.

Es stimmt mich so traurig, weil auch ich noch in einer Welt aufgewachsen bin, in der uns beigebracht wurde, dass Tiere nicht dazu in der Lage sind, so komplex zu fühlen und zu denken, wie wir. Und sie ergo weniger wert seien. Dass sie deshalb weniger Rechte haben und man sie benutzen kann wie Gegenstände. Wir benutzen und vergewaltigen konsequent unser Umfeld. Nehmen, was es uns bietet und benutzen es zu unseren Gunsten. In einem bizarren Ausmaß, welches uns selbst zugrunde richtet. Denn was wir dabei vergessen haben ist, dass wir ein gleichwertiger Teil vom großen Ganzen sind. Gleichwertig, nicht hochwertiger. Gleichwertig bedeutet, dass das, was ich meinem Umfeld antue, immer direkt auf mich zurück fällt. Ich zerstöre das, was mich nährt. Nicht nur auf materieller Ebene, sondern auch auf energetischer und karmischer Ebene. Sogar bis hin zur geistigen Ebene. Wir stumpfen ab, verkümmern, unsere natürlichen Instinkte und Bedürfnisse werden im Keim erstickt. Davon werden wir krank, traurig und depressiv. Mit mangelndem Respekt gegenüber den Wesen unseres Umfeldes bestrafen wir uns nur selbst, denn im Gegenzug beuten wir uns direkt selbst aus.

Je mehr man aber mit seinen Mitwesen in den Austausch tritt, umso komplexer wird das Verständnis vom großen Ganzen. Je mehr ich verstehe, wie sehr Tiere fühlen, denken, schlussfolgern, handeln, sich anpassen und entwickeln, umso klarer wird mir, dass die in ihrer Intelligenz eigentlich Eingeschränkten wir sind. Das meine ich nicht auf schulterklopfende, sich selbst mal kritisch, aber von oben herab schlecht redende Weise. Ich meine das ganz ernst. Die Intelligenz einer Ameise, eines Leoparden, eines Huhnes oder eines Hundes steht der unseren in nichts nach. Die auf das Gehirn bezogene Erforschung von Intelligenz hat etwas so Stupides, völlig neben der Wahrheit liegendes, dass ich mich wundern muss, wieso wir uns für die Krone der Schöpfung halten.

Es beginnt damit, dass wir Intelligenz an ausschließlich unseren Maßstäben messen. Daran, ob sich ein Tier im Spiegel erkennt. Wie absurd. Welchen Sinn hat es denn für ein Tier mit vielleicht wahnsinnig gut ausgeprägtem Geruchssin, sich in einer unnatürlich glatten Fläche sehen zu können? Ein Tier, welches in seinem Äußeren dem Artgenossen fast komplett gleicht, wieso sollte es sich im Spiegel erkennen müssen? Und wieso soll daraus geschlussfolgert werden, ob es ein Ich – Bewusstsein hat? Wie absurd das aus der Sicht einer Schlange ist, das ist fast schon lustig. Und dennoch kann tatsächlich auch eine Schlange lernen, sich in einer Menschenwelt auf so etwas wie einen Spiegel einzulassen und zu verstehen, was der von einem will: Sich selbst sehen. Falls Sie daran denn wirkliches Interesse hegt, denn wenn sie schlau ist, lässt sie sich auf diese niedere Art des Messens gar nicht erst ein und kümmert sich lieber darum, möglichst gut zwischen diesen arroganten, stinkenden Wesen zu überleben, ohne malträtiert zu werden.

Oder die Problemlösung: Menschen klatschen begeistert in ihre Hände, wenn eine Rabenkrähe einen Ablauf erkennt, mit dem sie an Futter kommt. Wenn sie Werkzeug benutzt und mehrere Schritte ausführen kann, um ans Ziel zu kommen. Bedeutet das aber im Gegenzug, dass ein Tier, dessen Interesse nicht die schnelle Problemlösung ist, sondern dass sein Leben lieber auf lange Sicht optimalisiert, weil es einen ganz anderen Lebensrhythmus hat, gleich dumm ist? Wieso sollte ein Wal, welcher durch Beharrlichkeit und Beständigkeit in seiner Intelligenz anhand von schneller, komplexer Problemlösung gemessen werden? Wo doch seine Lebenstaktik ist, möglichst weit zu planen, sich langsam ziehend dorthin zu begebend, wo es keine Probleme zu lösen gibt, sondern das Leben für ihn arbeitet, anstatt gegen ihn.

Jede Tierart hat einen eigenen Körper, eine individuelle Lebensform. Eine Nische. Es gehört zu den unglaublichen Wundern dieses Universums, dass wir so viele komplexe Körper um uns herum haben, die alle auf ihre eigene, überaus perfekte Art und Weise ihr Leben meistern. Nur, weil sie es auf ganz andere Arten und mit ganz anderen Prioritäten tun, ist es doch völlig absurd, sie deshalb in unsere Idee von Intelligenz zu quetschen wie ein Kleinkind, welches mit Gewalt das Rechteck durch die runde Öffnung in der Plastikschablone drücken will.

Keine Tierart ist intelligenter, als eine andere. Manche haben nur viel weniger Schnittmengen mit dem Leben, wie wir als Menschen es kennen. Sie haben einen anderen Rhythmus, nehmen anders wahr, haben ganz andere Prioritäten und Bedürfnisse. Manche sogar solche, die wir uns erst einmal überhaupt nicht vorstellen können, wenn wir sie einfach nur betrachten und kategorisieren wollen. Daraus schlussfolgern wir dann, dass sie dümmer sein müssen, als wir. Weil sie nicht wie wir sind. Wie unsagbar dumm von uns.

Um zu begreifen, wie sie ticken, müssten wir in echte Kommunikation gehen. In diejenige Kommunikation, die eigentlich allen Wesen dieser Welt inneliegt. Die wir aber durch unsere selbst gewählte Isolationsstellung leider immer mehr verlernt haben. Wir sehen uns nicht mehr als Teil des großen Ganzen, ergo verstehen wir auch nichts mehr von den anderen. Wir fühlen nicht mit ihnen, wir lassen uns nichts beibringen. Wir geben ihnen keinen Raum, um sie selbst zu sein und sich wirklich zu zeigen. Wir sondern uns ab, wundern uns und staunen dann, wenn wir dann in winzigen Häppchen merken, dass da vielleicht doch mehr dahinter steckt. Dass ein Fisch wohl Schmerzen fühlt, ein Huhn weiß, was es tut und ein Affe ein besseres Gedächtnis hat, als der schlauste Mensch der Welt. Was für eine Überraschung.

Es gibt ein paar Menschen, die doch wieder hinsehen. Die sich dem dringenden Bedürfnis nach Natur und mit ihr eins zu werden wieder mehr hingeben. Die sich nicht mehr vorsagen lassen, wie die Welt um sie herum angeblich zu sein hat. Die wieder mehr in Austausch gehen und sich auch mal etwas zeigen lassen. Ich bin unsagbar dankbar, dass es mein Job ist, der mich genau mit diesen Menschen zusammen bringt.

Wer sind wir denn, zu meinen, dass diese unfassbare Schönheit eines synchron fliegenden Vogelschwarms, die Perfektion eines Spinnennetzes oder die Ruhe eines Bären im Winterschlaf in Wahrheit dümmer sind, als unser Chaos, dass wir auf diesem Planeten verbreiten?

–> Mit Tieren sprechen lernen

–> Mit dem eigenen Tier sprechen lassen

img_6169

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s