Der kleine Hengst – die Entscheidung

Makani ist jetzt elf Monate alt. Er trinkt noch mehrmals täglich bei Mouna, die das gern duldet und für gut befindet. Er spielt sehr viel mit Milan und ist meistens auch bei ihm, sie dösen auch gemeinsam. Mouna ist und war schon immer der unabhängigere Typ und genießt es, dass die Jungs da sind, aber beide nicht direkt an ihr kleben. Die Freundschaft zwischen Makani und Milan wächst immer mehr, sie steigen sich jetzt schon an, aber immer nur so hoch, wie Makani es auch kann. Milan passt sich dabei an, wie versprochen.

Seit einigen Tagen ist Mouna rossig und Makani hat seine Hormone entdeckt. Erst hat mich das nicht alamiert, sein Babyhengstgehabe fand ich normal. Vor ein paar Tagen dann wachte ich schon sehr früh auf und ging instinktiv nach den Pferden sehen: Mouna schlug sich gerade halbwegs unmotiviert mit Makani herum, der nun ganz schön hengstig an ihr herum arbeitete. Ich sah, wie er aufsprang und mir wurde kurz anders, als Mouna das mit recht entspannter Art und Weise zwar abwehrte, aber eben halbherzig. Ich sah, dass für einen richtigen Deckakt nicht mehr viel fehlte. Ich rannte raus und verscheuchte Makani von ihr. Dann trennte ich die beiden ab. Makani war zwar etwas geknickt deshalb und stand erstmal etwas planlos am Zaun, er rief auch etwas, aber Milan war ja noch da. Nach einiger Zeit arbeitete Makani seinen Frust in einem wilden Renn- und Steigspiel mit Milan ab. Mouna hingegen antwortete kein einziges Mal auf Makani’s Rufen und war einfach nur sehr dankbar für die Ruhe und dass sie endlich mal allein im Garten alle Gräser und Kräuter rupfen durfte, wie es ihr gefällt. Sie schlief sogar eine zeitlang im Garten und fand das alles gut so.

Ich wusste vor Makani schon einiges über Aufzucht und Hengste, hatte selbst eine Pferdezucht geleitet, jedoch ist meine Haltungsart hier ja etwas unkonventioneller: In Absprache mit den Pferden. Die erste Lektion, die meine drei Pferde mich lehrten, war jene, dass hier keine weitere Stute mit Fohlen leben müsse, damit Makani auch artgerecht aufwachsen würde und außerdem, dass ein Absetzen des Fohlens durch den Menschen nicht nötig sei. Meine Pferde bestanden darauf, unter sich zu bleiben, weil neue Herdenmitglieder, sogar lange vor der Geburt, für sie keine Option waren, sondern nur stressig wären. Ich dachte: Gut, vielleicht ändern sie ihre Meinung ja aber noch, wenn das Fohlen da ist. Nach der Geburt fragte ich also regelmäßig nach, ob Makani nicht einen anderen Spielpartner bräuchte, als Milan. Oder ob er in eine Jungpferdherde sollte, um sich auszuprobieren. Aber nein, es blieb dabei. Die Dreierherde fand den Familienzusammenhalt am wichtigsten, niemandem fehlte es an etwas, keiner war überfordert. Makani wuchs sehr glücklich und behütet zwischen seinen Eltern auf und wirkte auch nie so reif, dass ich dachte, er müsste nun mal langsam weg von ihnen. Im Gegenteil: Es machte alles sehr viel Sinn und mein Fohlen sah so viel besser und selbstbewusster aus, als ich es von Aufzuchten kenne. Mittlerweile gingen mir einige Lichter diesbezüglich nach Lesen des Buches „Im Kreis der Herde“ von Wildpferdfilmer Marc Lubetzki auf, er berichtet darin von einer Wildpferdherde, die nur aus Stute, Hengst und Hengstfohlen bestand. Ich konnte alles daran bei meinen Pferden wiederfinden (Zitate u.A.: „Junge Pferde brauchen Kontakt zu erwachsenen Tieren“ und „Althengst und Jährling toben fast täglich miteinander“). Natürlich höre ich auf meine Pferde und natürlich glaube ich ihnen am Ende immer, aber ich bin die Verantwortliche, am Ende muss ich im besten Willen für uns entscheiden. Es ist nicht immer einfach, seinen eigenen Glauben im Bezug auf Pferdehaltung hinten an zu stellen. Auch für mich ist das zumindest bei meinen eigenen Pferden, immer wieder eine Herausforderung. Ich wollte doch alles richtig machen für Makani. Meine Pferdefamilie hier zu erleben, wie sie nach ihren Bedürfnissen leben dürfen, war schon Bestätigung und Mutmachen genug. Das Lesen des oben erwähnten Buches hat mir die restliche Zuversicht gegeben, dass das Hören auf meine Pferde eigentlich immer richtig ist.

Nach dem kurzen Schock, dass Makani mit nicht mal einem Jahr meint, seine Mutter ernsthaft zu decken, wurde mir klar, dass ich nun nicht drum herum käme, eine wichtige Entscheidung für meine Pferde zu treffen. Ich hatte schon gelesen von Stuten, die von ihren Hengstfohlen trächtig wurden und das wäre natürlich mein persönlicher Super-GAU. Wenn man die Geschlechtsreife von Hengsten googelt, dann liest man von 9 Monaten bis zu ca. 1,5 Jahren. Mein Alarm war an! Ich kapierte nicht, wieso Mouna ihn nicht deutlicher abwehrte und wieso Milan Makani nicht daran hinderte, seine Mutter mit deutlicher Hengstmanier (nicht im Spiel) zu bespringen. Denn nur einen Tag zuvor hatte mir Mouna noch versichert, dass Makani mindestens den Sommer über noch gefahrlos so bei ihr bleiben könne, wie er ist. Nach dem, was ich dann aber morgens sah, informierte ich mich über die Möglichkeiten von Sterilisation und Kastration. Ich hatte gehofft, Makani längstmöglich Hengst sein lassen zu können, damit er sich möglichst gut entwickeln könnte. Ich glaubte, dass je länger ein Hengst Zeit hätte, umso besser wäre sein Körper entwickelt. Ich glaubte, dass das ein sehr ausschlaggebender Punkt wäre für das Leben eines Hengstes, der später Wallach werden müsste. Ich hatte sogar ein wenig Hoffnung, dass ich Makani als sterilisierten Hengst immer belassen könnte. Wie, das hatte ich mir noch nicht ausgemalt, denn eins hatte ich bereits kapiert: Wenn ich mit meinen Pferden gemeinsam entscheide, wie ich sie halte, dann nützen jahrelange Vorausplanungen nichts. Man fließt mit dem Leben mit und passt seine Handlungen dem Moment an. Aber jetzt war so ein Moment. Ich musste handeln!

Die Sterilisation war also meine liebste Option, aber es gab auch drei weitere Optionen: Entweder Makani nun doch mit einem weiteren Jährling zu separieren und sie Jungs sein zu lassen, ihn ganz in eine Jungpferdherde abzugeben oder aber ihn zu kastrieren. Ich fand eigentlich alle Optionen suboptimal, denn alles hatte deutliche Nachteile:

1. Sterilisation: Makani wäre trotzdem Hengst, bloß nicht zeugungsfähig. Die OP dafür könnte hier statt finden, wäre aber nicht weniger riskant und ernst, als eine Kastration. Er würde seine Hormone behalten, sein Körper würde sich natürlich weiter entwickeln. Er würde dennoch bei jeder Rosse von Mouna auch hengstig agieren und sie belästigen. Ich müsste sie dann also immer trennen. Das wäre für Milan stressig, für Mouna ganz ok, für Makani stressig. Für mich riskant, dass der pubertierende Hengst hier den Laden aufmischt, wenn Kurspferde kommen. Eventuell würde die Kastration dann trotzdem folgen müssen, eine zweite OP wäre später nötig.

2. Trennung mit Jährling: Makani würde mit einem Einstellerjährling dauerhaft separat stehen, ich hätte 2 x 2 Pferde auf meinem Hof. Zu jeder Rosse von Mouna wäre er hengstig über den Zaun. Und sie ist regelmäßig rossig, denn im Gegensatz zu den Wildpferden bekommt sie ja keine weiteren Fohlen und ist somit auch nicht trächtig, die Rosse wiederholt sich also oft.

3. Makani in eine Jungpferdherde geben: Trennung der Familie auf allen Ebenen. Keinerlei Möglichkeit mehr, für Makani zu entscheiden, weil er in fremden Händen wäre. Möglicherweise das Lernen der Realität von Pferden, die nicht wie er aufgewachsen sind. Evtl aber mit dem Vorteil, dass er sich neu entdecken kann und neue Freunde findet, dass er später kastriert werden kann und dann halbwegs erwachsen wieder bei uns integriert werden kann.

4. Kastration: Eine sehr endgültige Entscheidung mit einem agressiven Eingriff in Makani’s Körper und für seine Entwicklung. Seine Männlichkeit würde sich nie voll und ganz entwickeln. Vorteile: Alle können gemeinsam weiter leben, so wie sie es bisher wollten. Niemand müsste den Hof verlassen, alle könnten unter meiner Obhut in ihrem Zuhause bleiben.

Ich wartete noch auf die Rückmeldung der Tierärztin und nutze die Zeit, um ein ernsthaftes Pferdegespräch mit meinen Dreien zu führen. Obacht: Dieses dokumentierte Gespräch ist absolut kein gutes Beispiel für ein professionelles Pferdegespräch, denn das Sprechen mit eigenen Pferden läuft auf einer anderen Gesprächsebene ab, als wenn ich in meiner professionellen Präsenz für andere Menschen und Pferde arbeite. Hierbei aber bin ich ganz privat unterwegs und emotional SEHR involviert, meine Sichtweise ist aus keiner übergeordneten Sicht. Dennoch brauchte ich keine professionelle Hilfe (nur die Rückversicherung einer Freundin, die auch noch rein hörte), um meine Pferde richtig zu verstehen. Hier folgt also das unprofessionelle Pferdegespräch:

MAKANI:

Er zeigt sich fröhlich, fordert mehr Kratzeinheiten und Körperkontakt mit mir ein. Er sagt, dass er das Führen über Stangen richtig toll findet. Je größer und aufregender der Parcours aus Stangen aussieht, den ich lege, umso toller findet er es. Er möchte auch Freispringen mit Milan und ist ganz aufgeregt, wie es sein wird, das erste Mal über eine Stange zu springen. Als ich ihn frage, ob er weiß, wieso ich ihn von Mouna getrennt habe, sagt er scheinheilig: „Nö. Ich weiß nicht so recht, was ich tue, ist doch alles normal so!“. Ich erkläre ihm, was er schon weiß, nämlich dass es so nicht bleiben kann. Ich zeige ihm, dass es eine OP geben wird, das findet er nicht so toll. Aber er möchte bitte unbedingt mit Milan zusammen bleiben, eigentlich auch mit Mouna. Kann sie nicht einfach zu jemand anderem? fragt er. Ich lache und sage, dass Milan das überhaupt nicht gut finden würde. Er sagt: „Stimmt, wir gehören alle zusammen. Ich will bei meinen Eltern bleiben.“ Ich zeige ihm die Option, in eine Jungpferdherde zu gehen. Das will er auf keinen Fall! Er will hier bleiben und glaubt auch, dass andere Jungpferde nicht so sind, wie er. Dann zeige ich die Option, einen Jährling dazu zu holen. Mache es ihm schmackhaft, dass er einen tollen, neuen Freund bekommen würde. Er ist überhaupt nicht begeistert und sagt: „Ich will nur mit Milan zusammen sein. Jährling und Milan, das wäre ok. Auf keinen Fall aber ohne Milan. Dann wäre ich eher genervt von dem anderen Pferd und wütend.“

MILAN:

Ohne dass ich etwas sagen kann, sagt er direkt: „Mach dir keine Sorgen, es ist alles in Ordnung.“ und dann schaut er entspannt in die Weite und signalisiert mir, dass er auf alles aufpasst. Ich: „Aber warum hinderst du Makani dann nicht am Bespringen seiner Mutter?“ und er: „Das kann ich nicht, das muss Mouna machen.“ Ich: „Aber du bist doch der Mann von ihr.“ Er: „Aber er ist ihr Sohn, sie muss ihn dahin gehend erziehen, das macht sie auch.“ Ich: „Mir ist das Risiko aber zu groß, er wird sie am Ende noch decken, vielleicht hat er es sogar schon.“ Er: „Nein, noch nicht. Aber wenn er groß ist, dann wäre es vielleicht so.“ Ich: „Und bis dahin kannst du ihn nicht daran hindern?“ Er: „Kastrier ihn doch einfach. Es wird es sonst nur schwer haben. Alles andere wäre schlimmer für ihn. Er würde frustriert aufwachsen. Auch für mich wäre es sehr anstrengend, ihn mit oder ohne Mouna weiter zu erziehen, ich bin bald alt.“ Ich: „Danke, Milan.“

MOUNA:

„Mir geht es gut gerade, endlich mal etwas Pause. Ich liiiebe den Garten! Makani nervt, aber so ist es nun mal. Er ist mein Kind. Ich nehme ihn nicht ernst in seinen hengstigen Absichten, ich kann ihn noch über den Sommer abwehren.“ Ich: „Das sieht aber nicht so aus!“ Sie: „Doch, ich lasse ihn nicht rein. Er ist auch noch gar nicht so weit.“ Ich: „Das glaube ich dir nicht und es sieht anders aus.“ Sie: „Weil es nicht passieren wird, ich bin entspannt.“ Ich: „Dieses Gespräch ist heftig für mich.“ Sie: „Du übertreibst!“ Ich: „Und was machen wir nun?“ Sie: „Die Ruhe ist gut gerade. So geht es erstmal.“ Ich: „Soll ich ihn kastrieren?“ Sie: „Warum nicht? Er ist ein sehr gesundes, gut entwickeltes Fohlen. Die Grundlage für sein Leben ist perfekt gelegt.“ Ich: „Naja, die Entwicklung für Makani’s Körper wäre mit der Kastration gestört. Milan war zum Beispiel länger Hengst.“ Sie: „Da kenne ich mich nicht so aus, aber ich glaube, du übertreibst. Hör auf Milan.“ Ich: „Brauchst du sonst noch etwas?“ Sie: „Nur, dass du dich entspannst.“ Ich: „Ich liebe dich.“

Aus diesem Gespräch zog ich das Fazit, dass baldige Kastration wohl das Beste für alle wäre. Dass ein Abtrennen von Makani und eine dadurch spätere Kastration in den Augen meiner Pferde ihm große Frustration mitbringen würde, die damit seine geistige Entwicklung negativ beeinflussen würde. Er wäre von seinem Vater und besten Freund enttäuscht, weil er allein gelassen würde. Er würde immer wieder auf seine rossige Mutter reagieren müssen, hätte aber keine eigenen Herdenmitglieder, an denen er sich normal ausprobieren könnte. Keine anderen, erwachsenen Pferde, Stuten oder Hengste, die ihm Manieren beibrächten. Er würde seine Eltern zwar sehen, aber nicht mit ihnen agieren dürfen. Das würde ihn frustrieren. Er würde den Frust oft an dem anderen Jährling auslassen. Das alles nur, damit er keine körperlichen Nachteile hätte.

In den Jahren meiner Zeit als Tierkommunikatorin habe ich gelernt, dass körperliche und geistige Gesundheit Hand in Hand gehen und zwar nicht nur teilweise, sondern ganzheitlich. Eine der wichtigsten Erkenntnisse hierbei: Nur ein grundsätzlich glückliches Pferd ist ein gesundes Pferd. Dauerhafte Frustration führt zu Krankheit. In diesem Fall also hätte ich zwar körperlich das Bestmögliche für Makani getan, wenn ich ihn noch nicht kastrierte. Geistig aber würde ich ihn enttäuschen und frustrieren. Auch unsere Beziehung würde darunter leiden. Dennoch war meine Entscheidung noch nicht gefallen.

Dann kam endlich der Anruf meiner Tierärztin. Sie hatte einige, interessante Neuigkeiten für mich: 1. Makani ist ganz bestimmt jetzt noch nicht geschlechtsreif, sondern braucht noch ca. ein halbes Jahr, bis er ernsthaft zeugungsfähig ist (Siehe Mouna’s Aussage, natürlich hatten meine Großen mal wieder Recht! Ich hatte in meiner Angst übertrieben). Bis dahin würde die Stute schon dafür sorgen, dass er sie nicht deckte. Die Gefahr wäre bloß, dass die beiden sich bei diesen Rangeleien ernsthaft verletzen würde. Sie erwähnte sogar, dass viele Züchter ihre Jährlinge beidgeschlechtlich zusammen halten. Ich fragte noch einmal nach, ob sie ganz sicher sei, dass er seine Mutter jetzt nicht erfolgreich decken könnte. Sie sagte mir dies zu. 2. wäre eine Kastration jetzt besser, als in ein paar Monaten, weil wir sie hier bei uns auf dem Hof durchführen würden und Makani ein paar Tage eine offene Wunde hätte, die in Sommermonaten schwieriger heilt durch die Wärme und die Fliegen. Und 3. erklärte sie mir, dass früher gelegte Wallache später größer würden. Das sollte ich wissen, er würde dann groß wachsen. Ich musste lachen, denn mir hatte Makani schon prohphezeiht, dass er größer würde, als Milan und ich bin 1,81m groß und hoffe sehr, dass Makani Spaß daran haben wird, mit mir reiten zu gehen. Sie sagte noch, dass seine Halsung weniger sein könnte im Aufwachsen dadurch, dass er kein Hengst mehr wäre, aber ich weiß schon, dass Makani dabei auch den Erwartungen trotzen wird. Er hat mir bereits gezeigt, wie er als erwachsenes Pferd ausehen wird. Man sieht es schon seit Tag 1, wie seine Anlagen sind. Auch ohne Testosteron. Er wird nicht zusammen fallen und kein mickriger Halbstarker werden, auch kein Wallachwicht, dafür haben wir hier alle gesorgt. Auf allen Ebenen. Die Tierärztin sagte noch, dass die andere Option sei, ihn dann im Herbst zu kastrieren, wenn die Hitze vorüber ist. Für diese Option habe ich Rückfrage mit Milan gehalten, aber er bleibt bei seiner Meinung: Kastration jetzt ist kein Problem für Makani. Das Herauszögern aber könnte kompliziert werden für alle. Am Ende treffe ich diese Entscheidung für uns alle, auch in Abwägung meines eigenen Befindens.

Makani177Für meine Kunden ist es mir immer ganz klar: Ich finde Kompromisse zwischen Mensch und Pferd, die für beide vertretbar sind, denn nur gemeinsam können sie glücklich sein. Es nützt nichts, wenn das Pferd sich 1,50m Sprünge wünscht, der Mensch aber reitend dabei fast in Ohnmacht fällt vor Angst. Für mich bedeutet das in unserem Fall, dass es mir sehr viel Stress bereiten würde, Mouna und Makani den Sommer über noch in jeder Rosse räumlich zu trennen und dann noch zu hoffen, dass der pubertierende Hengst, der schon als Fohlen gern mal durch den Zaun stolzierte, hier keine unnötige Unruhe in meine Kurse bringt. Und so darf ich heute die nächste Lektion meiner Pferde mal am eigenen Körper spüren: Ich entscheide das, was für uns alle am besten ist. Ich suche den bestmöglichen Kompromiss, in dem ich eine wichtige Rolle spiele. Makani wird in den kommenden Tagen kastriert. Gut fühlt sich das sicher nicht an, aber ich weiß, dass es das Richtige ist.

 

Wenn du auch lernen möchtest, mit Pferden zu sprechen, dann schau hier: Pferdeflüsterer Ausbildung.

Der betrunkene Mexikaner

Der betrunkene Mexikaner.

Am Wochenende fand wieder ein Pferdeflüsterer Basiskurs statt. Acht Menschen haben alles gegeben und sich unbefangen, neugierig und überaus erfolgreich mit sieben Pferden unterhalten. Die Ergebnisse waren erstaunlich, schön, traurig, augenöffnend und auch lustig. Besonders hängen geblieben ist mir der Aha-Moment einer Schülerin. Ich bringe meinen Schülern bei, wirklich und wahrhaftig alles zu sagen, was ihnen im Laufe der Übungsgespräche in den Sinn kommt. Also sprach sie es aus: Der Wallach hatte sie in Gedanken mit zu den Karl-May-Festspielen genommen und ihr ganz begeistert gezeigt, dass er da mitgemacht hätte! Mit Musik und so! Er fand das richtig toll. Wir lachten alle über diese lustige Nachricht. Sie klang weit hergeholt und ausgedacht. Alles, was wir von diesem Pferd wussten, war der Name, das Alter und seit wann es bei seinem Besitzer lebt. Wir hatten ein Foto seines Kopfes gesehen und dann begonnen.

Alle waren gespannt auf das Feedback, welches die Besitzerin dann auch gern gab: Auf der letzten Weihnachstfeier des Stalls hatte sie eine kleine Vorführung mit ihrem Wallach gezeigt. Sie war verkleidet als betrunkener Mexikaner zu der Karl May Musik in die Halle geritten und hatte tatsächlich dabei geschauspielert. Der Part des Pferdes war es, ihr dann einen Lappen aufzuheben, den sie im vermeintlich betrunkenen Zustand fallen gelassen hatte. Er fand sich dabei großartig und es machte ihm einfach Spaß, sich und seine Tricks zu zeigen!

Es ist fantastisch und amüsant, zu welchem Grad unsere Pferde tatsächlich mitbekommen, worüber wir reden, was wir denken, wer wir sind und was passiert. Eins nehme ich, auch aus dieser Anekdote, immer wieder mit: Je geliebter sie sich fühlen, je wertschätzender wir mit ihnen umgehen, umso glücklicher sind sie. Jeder auf seine Weise. Ich liebe meinen Job!

–> Selbst am Pferdeflüsterer Basiskurs teilnehmen.

–> Mit deinem Pferd sprechen lassen

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Lakritze für den Räuber.

Gestern hatte ich einen Pferdezahnarzt da. Meine beiden Pferde kennen nur die beste Zahnbehandlung, ich lasse extra ausgebildete Pferdedentisten kommen. Tierärzte mit Zusatzqualifikation reichen mir nicht. Ich würde auch keinen Hausarzt mit Wochenendausbildung an meine Zähne lassen.

Damals als Leiterin einer Zucht lernte ich eine nach Louis Pequin ausgebildete Pferdezahnärztin kennen, wir behandelten alle 25 Pferde zusammen. Sie arbeitete mit wassergekühlten, elektrischen Geräten und Handraspeln. Meine Aufgabe war es, die Pferdeköpfe zu halten, denn die Pferde wurden alle leicht sediert, damit sie die Prozedur gut über sich ergehen ließen. Sie ließ mich die Zähne vorher und hinterher ertasten und erklärte mir unaufhörlich ihre Arbeit, die ich danach sehr zu schätzen wusste. Pferdezähne wachsen ihr ganzes Leben, der Abrieb durch die ständige Raufutteraufnahme sollte den Zahn automatisch gut kürzen. Doch welches unserer Pferde bekommt schon Raufutter satt und dazu noch Triebe, Zweige, Rinden und so weiter, um einen perfekten Zahnabrieb und eine vielseitige Fütterung abzudecken? Wir können zwar Pulverchen füttern, um den Mineralhaushalt zu optimieren, aber von Pülverchen nutzen sich eben keine Zähne ab. Also gibt es Menschen wie diese.

Gestern hatte ich einen neuen Herren da. Sein Name ist Graeme Pauli, er ist aus Kapstadt und mehrmals im Jahr in Deutschland unterwegs, um Pferdezähne zu behandeln. Er arbeitet ohne Sedierung. Ich hatte schon öfter von einem Mann gehört, bei dem die Pferde einfach so ruhig blieben, dass er sie so behandeln konnte. Meine letzte Pferdedentistin konnte ich monatelang nicht erreichen, so dass ich kurzerhand mir einen Termin bei Herrn Pauli geben ließ. Ich war gespannt auf sein Auftreten.

Als ich gerade auf den Hof kam, war er schon dort. Ehe ich ihn begrüßen konnte, kam der Hofbesitzer auf mich zu. Milan, mein Wallach, hätte gerade scheinbar grundlos den anderen, großen Wallach angegriffen. Völlig unbegründet in seinen Augen. Ich hatte es leider verpasst, dachte mir aber, dass er so etwas nie grundlos tun würde. Ich ging also zu Herrn Pauli und seinem Dolmetscher und begrüßte die beiden. Der Mann war sehr angenehm, lustig und gelassen. Dann holte ich meine Pferde. Beziehungsweise stand meine Stute Mouna bereits am Tor und blickte uns freudig entgegen. Ich öffnete das Tor, sie trat hindurch und schlüpfte in ihr Halfter. Sie hasst eigentlich jegliche Menschen, die irgendeine Art von Helfersyndrom ausstrahlen und die an sie heran wollen. Tierärzte, Osteopathen, Tierheilpraktiker und Hufschmiede sind generell unbeliebt. Normalerweise lässt sie sich sehr bitten und aus der letzten Ecke abholen, wenn solche da sind. Heute nicht. Milan stand weiter hinten am Heu und fraß. Ich rief ihn und er setzte sich in Bewegung, kam durchs Tor direkt zu uns.

Was soll ich sagen? Beide Pferde waren und blieben die Ruhe selbst. Mouna schaute hier und da etwas angestrengt, aber ich habe schon gesehen, wozu sie im Stande ist, wenn man über ihre Grenzen geht! Nichts davon passierte, sie stand fast ruhiger, als beim Hufschmied. Milan mag es, untersucht zu werden. Er kann gar nicht genug davon bekommen, wenn man ihn irgendwie besonders behandeln muss. Er liebt die Aufmerksamkeit und lässt sich gern helfen. Er schaute erst etwas traurig und ließ den Kopf hängen, als er von dem Mann ans Halfter genommen wurde. Nach ein paar netten Worten aber ließ er sich willig und zu meiner Überraschung sogar freudig trotz Maulsperre die Zähne raspeln. Herr Pauli stellte fest, dass Milan Karies hat. Wohl schon seit vielen Jahren. Einige seiner Zähne seien davon bereits abgebrochen. Ob ich ihn mit Zucker füttern würde. Ich dachte nach, ob die Leckerlis vielleicht Zucker enthielten, aber eigentlich achte ich darauf. Auch bekommt er kein melassehaltiges Futter. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Die Vorbesitzerin fand es irgendwie immer toll, Milan mit Lakritzschnecken zu füttern. Ihr „Räuber Hacki“  würde das doch so mögen. (Milan hieß damals… Hacki! Wie Hackfleisch… das konnte nicht so bleiben). Dass der „Räuber“ damals so genervt von der Frau und seinem ständigen Bauchweh war (zu wenig Heu und Kraftfutter), wusste sie nicht. Er ließ sich nicht mal mehr von ihr von der Weide holen. Ihre einzige Verbindung zu ihm war, ihn mit Süßigkeiten zu füttern. Was sie ihm damit antat, weiß ich jetzt. Milan weiß es auch. Herr Pauli riet mir, sein Maul öfters mit einem Schlauch auszuspülen. Ich berichtete, dass er beim Waschen im Sommer immer darauf besteht, dass ich ihm den Schlauch ins Maul stecke. Er erwiderte, dass das vermutlich auch deshalb so ist, WEIL er es genießt, die Futterreste heraus gespült zu bekommen. Schlauer Milan. Wie schlau er aber wirklich ist, das kam einmal mehr heraus, als mir der Pferdezahnarzt dann berichtete, dass sie in der Zeit, in der sie auf mich warteten, schon mal versucht hatten, zu raten, welches der 8 Pferde meine sind. Er riet Mouna richtig, aber er dachte, der große Wallach sei meiner. Der, den Milan angriff, kurz bevor ich kam. Der Mann sagte: „Vielleicht hatte er gehört, dass ich ihn fälschlicherweise zu deiner Stute zugeordnet hatte und wollte das richtigstellen.“ – Ich verzichtete darauf, ihm zu erklären, dass ich mit Tieren spreche und er tatsächlich Recht damit hatte. Milan und Mouna sind wie ein altes Ehepaar. Sie gehören absolut zusammen, Milan neigt etwas zu Eifersucht und Mouna etwas zu Polygamie, aber definitiv sind und waren sie immer eine Einheit. Ich antwortete also nur: „Ja, das kann tatsächlich sein!“ und er sagte: „Es hat schon merkwürdigere Dinge gegeben.“ Ich nickte nur. Und wusste nun: Dieser Mann versteht sein Handwerk. Er versteht die Pferde. So wie ich.

Wer Graeme Pauli gern mal für sein Pferd buchen möchte, wendet sich bitte an mich, ich leite dann zum deutschen Kontakt weiter. Er ist 4 x jährlich für 2 Wochen in Deutschland und hat noch ein paar Plätze frei.

–> Selbst mit Pferden sprechen lernen

–> Selbst mit Tieren sprechen lernen

–> Das eigene Tier sprechen lassen

–> Pferdekommunikation in Norddeutschland

 

Individuelle Bedürfnisse der Pferde

(oder: Braucht mein Pferd eine Decke?)

Die Pferdewelt kennt viele Experten. Jeder scheint zu allen erdenklichen Themen, die das Pferd betreffen, etwas zu sagen haben. Die Meinungen der Experten basieren dabei bestenfalls auf Fachwissen, Erfahrung und Überzeugung. Wenige kommen auf die Idee, dass Pferde so individuell sind, wie Menschen. Dass auch Pferde ganz eigene Bedürfnisse haben können, die stark von denen der Artgenossen abweichen können. Dass man die Pferde fragen kann und für eine Antwort nicht zwingend ein Pferdeflüsterer sein muss. Auf die Frage: „Braucht mein Pferd eine Decke / ein Gebiss / eine Box / Hufeisen?“ gibt es niemals eine generelle Antwort, die für jedes Pferd gilt.

Natürlich sind bestimmte Fakten wichtig als Grundlage jeglicher Entscheidungen bzgl. Pferden. Ein Pferd ist ein klares Herdentier und braucht Kontakt zu seinen Artgenossen. Es braucht ebenso ein Mindestmaß an freiem Auslauf, Rau- und Mineralfutter sowie die Möglichkeit, angemessen zu ruhen. (Lies dazu: Mindestbedingungen für Pferde). Darüber hinaus scheiden sich die individuellen Bedürfnisse jedoch schneller, als man annehmen mag. Ein Pferd wird heute leider immernoch von der breiten Reitermasse als recht dummes, befehlsempfangendes und ausschließlich instinktorientiertes Tier angesehen. Dass ihr Pferd individuell und sehr deutlich mit ihnen kommuniziert, ist den meisten Leuten schlichtweg aberzogen worden, als sie den Umgang mit Pferden lernten.

Es gibt Pferde, die hassen Decken. Denen ist eh warm. Falls sie nicht gerade krank sind, machen ihnen Kälte, Nässe und Wind nichts aus. Mein Wallach Milan ist so einer. Er hält ziemlich viel auf sich und er ist tatsächlich ein ganzer Kerl. Er ist von Natur aus sehr robust, hat nie etwas, ist auch ein Dickkopf mit viel Charme. Er steht zu seinem Wort und braucht vor Allem Zuverlässigkeit. Er hat einen schweren Knochenbau und geht eher mit dem Kopf durch die Wand, als sich vor etwas zu drücken. Er schmeißt sich in die dreckigste, nasseste Stelle, um sich zu wälzen und wälzt sich eigentlich immer, wenn er raus kommt. Er hält nicht viel von Decken und ist etwas in seiner Würde gekränkt, wenn er eine tragen muss. Ich decke ihn nur ein, wenn es wirklich tagelang durch regnet oder es so klirrend kalt und dabei feucht oder windig ist, dass er murrend zustimmt, dass eine Decke wohl doch ganz gut wäre. Das sind vielleicht 4 Tage im Jahr.
Dann gibt es noch die Pferdetypen, die von Natur aus empfindlich sind. Wie meine Stute Mouna. Sie ist eigentlich ein robust aussehendes, im Wildtyp stehendes Kleinpferd. Doch als ich sie bekam, wurde sie regelrecht panisch, wenn sie in Nässe ohne Decke stehen musste. Sie begann zu zittern und aufgeregt umherzulaufen. Sie hat mittlerweile 5 verschiedene Decken. Diesen Winter habe ich versucht, sie daran zu gewöhnen, besser ohne Decke auszukommen. Ihr wuchs ordentliches Winterfell, sie steht in gutem Futter. Und trotzdem bittet sie mich darum. Also bekommt sie eine Decke auf. Sie hat keinen sehr guten Stoffwechsel, ihr Hufe neigen zu Brüchigkeit, ihr Fell ist stumpfer und ihre Haut neigt zu Ekzemen und Allergien. Trotz allen erdenklichen Behandlungen diesbezüglich ist und bleibt sie ein empfindliches Pferd, welches ihre Decken braucht. Sie fühlt sich damit geborgener, sicherer und wohler. (Wer wissenschaftliche Erkenntnisse zum Deckenthema lesen möchte: Deckenstudie)

Ebenso braucht Mouna ihre Hufeisen, weil sie damit einfach weniger Schmerzen beim Laufen hat. Ohne Eisen geht es ihr schlechter. Anfangs war ich eine überzeigte Barhuf-Anhängerin, weil die rein faktischen Argumente gegen Eisen sehr überzeugend sind. Sie ging jahrelang ohne, hatte die besten Huforthopäden, keinerlei Fehlstellungen. Sie bekam trotzdem immer wieder Hufgeschwüre, durch Prellungen der Hufsohle verursacht, und lief festgehalten. Irgendwann ließ ich sie beschlagen, auf allen Vieren. Seitdem läuft sie entspannter, fröhlicher, trittfester. Wir hatten nie wieder Probleme mit Hufgeschwüren, sie ist damit ein glücklicheres Pferd. Milan brauchte widerum keine Eisen, bekam aber trotzdem welche, weil er gern welche wollte. Er lief ca. 2 Jahre damit und fand es gut, es gab keinerlei Probleme. Bemerkbar machte sich der Vorteil daran für ihn eigentlich aber nur auf hartem Untergrund mit spitzen Steinchen darauf. Den mied er ohne Eisen, mit Eisen lief er problemlos drüber. Mittlerweile hat er keine Eisen mehr, weil wir in einem Gebiet reiten, wo hauptsächlich Sandwege sind. Auch ohne Eisen läuft er gut und er findet es in Ordnung so. Er hat unglaublich harte, gute Hufe. Bei ihm sind die Hufeisen eine reine Luxusentscheidung.

Milan liebt seine Box. Er ist ein Pferd, welches ranghoch ist, meist übernimmt er die männliche Leitung einer Herde, gerade teilt er sie sich mit einem Kumpel. Er macht sich viele Gedanken um den Herdenzusammenhalt, um die einzelnen Aufgaben der Pferde und um seine Stute. Er ist ein sehr bemühtes Pferd und ist dankbar, wenn er seinen eigenen Bereich haben kann, in dem er einfach mal abschalten, ruhen und fressen darf. Er weiß das zu schätzen und steuert schnurstraks seine Box an, wenn man ihn rein lässt. Mouna hingegen ist ein sehr freiheitsliebendes Pferd. Sie braucht es, weit sehen zu können. Sie braucht den ständigen Kontakt zu den anderen, um sich wohl zu fühlen. Sie kann auch draußen gut abschalten und ruhen. Auch sie ist recht ranghoch. In einer Box arrangiert sie sich zwar, sie geht auch freiwillig hinein. Generell hat sie aber ein beengtes Gefühl darin und bekommt auch körperliche Probleme, wenn sie nicht mehr als 6 Stunden Auslauf bekommt.

So könnte ich noch endlos weiter erzählen über Gebisse, Reitgewohnheiten, Ansprüche an den Menschenkontakt und so weiter. Den meisten von uns ist es abhanden gekommen, wahrzunehmen, was die Bedürfnisse unserer Pferde sind. Wo wir unser ach-so-wichtiges Fachwissen mal eben hintenan stellen oder in Frage stellen dürfen. Wann wir anfangen, unserem Pferd ins Gesicht zu blicken, um zu bemerken, ob es überhaupt gerade einverstanden ist mit dem, was wir ihm antun. Es ist viel einfacher, als wir meinen. Wirf deine Überzeugungen mal über Bord, nimm dir Zeit, dein Pferd einfach mal zu wahrzunehmen. Ohne etwas zu tun. Und hör auf das, was dir dann in den Sinn kommt.

–> Selbst mit Pferden sprechen lernen

–> Dein Pferd sprechen lassen

 

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Milan, glücklich ohne Decke.